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Dresdner Blätt´l * 12. Jahrgang |
Nummer 20 vom 14. Dezember 2001 |
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Der Brief an die DB AG nach der Reise Sehr geehrte Damen und Herren, eigentlich sind Beschwerdebriefe nicht meine Art. Aber nachdem die Deutsche Bahn selbst mich überzeugte und begeisterte Bahnfahrerin ins Flugzeug trieb, ist es angebracht, die Erlebnisse meiner Reise mit der Deutschen Bahn am 28. 08. 2001 von Chemnitz nach Venedig zu schildern, um exemplarisch aufzuzeigen, wie dringend erforderlich Verbesserungen sind. |
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Allen Empfehlungen von Verwandten, wir sollten doch lieber mit dem Flugzeug nach Griechenland fliegen, zum Trotz beschlossen Micha und ich, auch dieses Jahr mit dem Zug zu verreisen. Da eine direkte Verbindung nach Athen mit der Bahn faktisch unmöglich war, entschieden wir uns für die Bahnfahrt nach Venedig, von wo aus es mit der Fähre weiter nach Patras gehen sollte. Übers Internet erkundigte sich Micha nach einer Verbindung und erhielt beiliegende Verbindung von Chemnitz nach Nürnberg, von Nürnberg nach München und von München mit dem Brennerexpress nach Venedig. Laut Auskunft würde es ein Bordrestaurant geben und wir würden im Morgengrauen in Venedig ankommen. Als er telefonisch Schlafplätze reservieren wollte, bot man ihm u. a. ein Doubleabteil an, welches 250 DM mehr kosten würde. Ein Preis, in dem ein Frühstück inklusive sein sollte. Im Doubleabteil über Nacht nach Venedig, wer kann da schon nein sagen. Also buchten wir die empfohlene Verbindung samt Frühstück. Die Reise begann am Chemnitzer Hauptbahnhof, der durch die rosarote Brille unserer Urlaubsvorfreude regelrecht idyllisch wirkte. Weniger idyllisch wurde mir zu mute, als ich noch einmal auf der von der Auskunft vorgeschlagenen Verbindung nachschaute und feststellen musste, dass wir in Nürnberg nur zehn Minuten zum Umsteigen hatten. Damals vor drei Wochen bei der Buchung hatten wir nicht im Traum daran gedacht, dass die DB AG sieben Wochen nach Einführung des ICE-T auf der Strecke nach Nürnberg das Problem der ständigen Verspätungen noch nicht geklärt haben könnte. Als ich gerade diese Bedenken äußerte, erschien - wie um mir zuzustimmen - auf der Anzeigetafel der Vermerk, der ICE nach Nürnberg habe voraussichtlich 15 Minuten Verspätung. Das Schlimme an diesen Vermerken ist, man kann sich nie darauf verlassen. Meistens wartet man noch mal fünf Minuten länger. Manchmal wird aber auch die vorhergesagte Verspätung unterschritten. Weshalb man wiederum nicht den Bahnsteig verlassen kann, um die Wartezeit auf angenehmere Art zu verbringen. In der Hoffnung, die Zugbegleiterin Frau Ruß, könne erreichen, dass der Anschlusszug in Nürnberg warte, wandten wir uns an sie. Ihre Antwort, sie werde nachfragen und uns zu gegebener Zeit informieren, hätte uns ja sogar noch etwas Hoffnung und Ruhe gegeben; wenn da nicht dieser schroffe Ton gewesen wäre und der völlig unnötige Hinweis, es sei sowieso nicht ihre Schuld. Dies klang wie ein Vorwurf an uns, die wir sie mit unseren kleinen Problemen belästigten. Ein anderen Reisegast, der seine Beschwerde bei ihr vortrug, erhielt eine patzigere Antwort: "Wenn sie wirklich ein guter Geschäftsmann gewesen wären, dann könnten sie sich jetzt einen Jet leisten und müssten nicht mit der Bahn fahren." Auch wenn man nicht leugnen kann, dass diese Antwort eine gewisse Schlagfertigkeit enthält, so steht dahinter doch eine unangenehme Logik: Wer mit der Bahn fährt, habe es eben einfach noch nicht zu einem Jet gebracht und könne deswegen ruhig dafür, dass er viel Geld für seine Fahrkarte bezahlt hat, unhöflich gehandelt werden. Ist es ein Wunder, dass solche Meinungen bei den Angestellten entstehen, wenn die Chefetage der Deutschen Bahn sich vorrangig mit Flugzeug oder edler Limousine fortbewegt? Ca. 15 Minuten vor Nürnberg war unsere Neugierde, ob wir den Anschlusszug nach München kriegen würden, so groß, dass Micha die Zugbegleiterin noch einmal im Zug aufsuchte. Aber Frau Ruß erteilte ihm eine Lektion, die wir einfach noch nicht gelernt hatten. Ein um seinen Anschlusszug besorgter Reisender wendet sich nicht mit seinen Sorgen an die Zugbegleiterin, sondern wartet geduldig auf die Durchsage. Zehn Sekunden, nachdem sie uns die Antwort auf unsere Frage verweigert hatte, teilte sie mit einer Durchsage mit, der Anschlusszug nach München würde warten. In Nürnberg angekommen rannten wir und einige weitere mit Gepäck beladene Reisende so schnell wir konnten, zum entsprechenden Bahnsteig. Dort wurde uns klar, wir hätten die Zugbegleiterin wirklich nicht mit unseren Fragen belästigen müssen. Denn ihre Antwort war völlig wertlos. Entgegen der Durchsage war der Zug von Nürnberg nach München bereits abgefahren. Es dauerte fünf bange Minuten, in denen ich mir die bevorstehenden Verhandlungen wegen der nun wahrscheinlich notwendigen Umbuchung unseres reservierten Doubleabteil auf den nächsten Zug nach Venedig in schillernden Farben vorstellte. Vor lauter Angst, womöglich gegen betriebsinterne Bestimmungen zu verstoßen, schlagen sich die Angestellten am Fahrkartenschalter nämlich selten auf die Seite der schnellen Lösung im Sinne des geschädigten Fahrgast, sondern eher auf die Seite des "Da können wir auch nichts machen." Nach diesen bangen fünf Minuten erfuhren wir auf unser Fragen hin, wir sollten an einem anderen Bahnsteig auf einen anderen Zug, welcher in ca. zehn Minuten nach München fahren sollte, warten. Man werde per Telefon versuchen, alles mit München zu klären. Man mag uns verzeihen, wenn sich unser Vertrauen in den positiven Ausgang der Telefongespräche in Grenzen hielt. Auf diesen Schreck sollte man am besten erst einmal Abendbrot essen gehen. Aber Fehlanzeige: Kein Bordrestaurant. Nur ein Bistro, dessen Repertoire sich auf Hünchensuppe beschränkte. Nun gut, tun wir etwas für unsere Figur, trösteten wir uns. Allen Zweifeln zum Trotz begrüßte uns in München die Durchsagerstimme mit der Mitteilung, wir hätten noch Anschluss zum Brennerexpress. Da der Brennerexpress sehr lang war und der Waggon, in dem wir für 250 DM extra ein Doubleabteil gebucht hatten, einer der letzten war, waren wir gezwungen unser unfreiwilliges Fitnessprogramm durch einen Sprint mit Kraxe auf dem Rücken zu ergänzen. Da wir nicht sportlich genug waren, bis zur Abfahrt unseren Waggon zu erreichen, sprangen wir einfach kurz vor dem Abfahrtspfiff ein und kämpften uns mit unseren Rucksäcken durch die engen Gänge der Schlafwagen. Als wir uns dann endlich zum Beginn unseres Waggons durchgequetscht hatten, erwartete uns eine abgeschlossene Waggontür. Aber auch dieses Problem wurde gelöst. Als wir feststellen mussten, dass ein Doubleabteil im Brennerexpress so eng ist, dass die erwartete Romantik wohl kaum eintreten wollte, wollten wir hungrig vom Sprint nun doch den Abend im Bordrestaurant verbringen. Aber wir hätten es wissen müssen: Es gab keine Mitropawagen. Nun gut, bis zum Frühstück, welches uns laut Auskunft zugesagt wurde, würden wir es aushalten. Etwas misstrauisch, durch all den Stress fragte ich dann doch nach, wie es denn mit dem Frühstück morgen früh aussehe. Ich hätte lieber nicht fragen sollen. Ein Kaffee teilte mir unser italienischer Zugbegleiter mit. Ich habe wirklich nichts gegen Kaffee am Morgen einzuwenden. Nur besteht ein Frühstück für mich eigentlich immer aus etwas essbaren. (Am nächsten Morgen sollte ich dann Kaffee zum Frühstück schätzen lernen.) Frühstück im Zug ist nicht unbedingt erforderlich; es wäre nur schön gewesen, vorher eine richtige Auskunft zu erhalten. Dann hätten wir uns darauf einstellen können. Hauptsache, wir können im Morgengrauen in Venedig schöne Fotos schießen, tröstete ich mich vor dem Einschlafen, nachdem ich den Wecker auf halb sieben gestellt hatte. Aber es war nicht der Wecker, der mich früh weckte, sondern Klopfen. Und es war auch nicht halb sieben, sondern halb sechs. Auf Grund eines technischen Problems konnte der Brennerexpress nicht bis nach Venedig durchfahren. (Redaktionelle Anmerkung: Mir ist schon, bewusst, dass technische Probleme in Italien nicht unbedingt in den Zuständigkeitsbereich der DB AG fallen.) Wir mussten alle in Verona umsteigen. Da blieb kaum Zeit zum Waschen, geschweige denn zum Kaffee. Da saßen wir nun in einem vollgedrängten Bummelzug, ohne Kaffee, ohne Waschmöglichkeit und erreichten 150 Minuten später als geplant Venedig. Es ist nichts schlimmes dabei, halb zehn in Venedig anzukommen. Nur leider ist um diese Zeit das Morgenlicht, auf das meine Kamera und ich uns so gefreut hatten, bereits vorbei. War es die Verspätung? So was kommt vor. War es Schnippigkeit der Zugbegleiterin? Es kommt vor, dass Menschen schlecht gelaunt sind. War es das versprochene Frühstück, welches nie eingeplant war? Es war dieses Konglomerat aus Pannen, Unfreundlichkeiten, Unzuverlässigkeiten und falschen Zusagen, welches Micha dazu veranlasste, vom Handy aus die Auskunft der DB AG anzurufen, um einen Beschwerdevermerk bei seiner Kundennummer zu hinterlassen. Als er dann erfuhr, die Auskunft sei nicht für Beschwerden zuständig, und die Beschwerdestelle sei nur wochentags während der Öffnungszeiten erreichbar, beschlossen wir, die Rückreise zu einem wirklich erholsamen Erlebnis zu gestalten und zurück zu fliegen. Obwohl wir eigentlich mit der Bahn und dem Schiff reisen wollten, entschieden wir uns für das Flugzeug. Ursache dieser Entscheidung waren nicht den Verkehrsmitteln immanenten Eigenschaften von Flugzeug und Bahn, sondern ein "Service" bei der Bahn, der in keiner Weise den hohen Preis rechtfertigt. In der Hoffnung, dass anderen Reisenden solche Pannen, solche unfreundlichen ZugbegleiterInnen, solche falschen Zusagen sowie solche Verspätungen erspart bleiben
Katja Kipping Anbei eine Kopie unserer Fahrkarten und der ausgedruckten Zugverbindung |
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