|
Dresdner Blätt´l * 13. Jahrgang |
Nummer 1 vom 1. Februar 2002 |
|
45 Jahre Bauen für Dresden - Wolfgang Hänsch Im „johannes r." zu Gast: Eine Legende zwischen Striesen und Semperoper
Von Reinhard Heinrich
|
|
|
Zu einem bemerkenswerten Abend über „45 Jahre Bauen in Dresden" lud am Donnerstag, dem 17. Januar, der Kulturverein „Kleine Freiheit ein. Dem Autor Norbert Landsberg („Ein Platz und seine Namen") war bei Recherchen für sein Buch der Architekt Wolfgang Hänsch begegnet und er fand, dass aus diesem Manne mehr herauszukitzeln sei, als ein paar Zeilen über die benachbarte Borsbergstraße. Der Wiederaufbau Dresdens nach 1945 ist ohne Wolfgang Hänsch heute schwer denkbar. Der Kulturverein im „johannes r." hatte damit wieder einmal ein volles Haus. Von Jochen Kretschmer (dem Vorsitzenden des Kulturvereins) herzlich begrüßt, gab der 1929 in Königsbrück geborene gelernte Maurer Auskunft über sein Schaffen an den Reißbrettern von Dresden und unterhielt sein Publikum auch mit Episoden, wie einst „Architekt Chrustschow" das Ruder herumriss und so der Borsbergstraße die Architektur einer Stalinallee erspart blieb. Auch hier war nach dem 13. Februar 1945 eine Trümmerwüste geblieben. Traditionsbruch äußerte sich auch in der Technologie, Platten aus Ziegelschrot, kombiniert mit Blockbauweise. Der damals projektierte Branchen-Mix in der Erdgeschosszone hat seit 1959 nicht nur dem sozialistischen Einzelhandel, sondern auch den Ansprüchen der Marktwirtschaft standgehalten. Das achtgeschossige „Hochhaus" mit dem Dachgeschoss aus Ateliers und kleinen Wohnungen - ein Unikat damals wie heute nicht nur für Dresden - und Ausdruck einer Politik, die Kultur und Kunst nicht nur „planmäßig entwickeln" wollte, sondern auch tatsächlich 0,2 Prozent der Bausumme dafür auszugeben bereit war. Das Gespräch kam auf den Kulturpalast. Ein Kompromissbau, gewiss, aber auch ein Sieg der Architektur über die Ideologie. Warschau und Moskau zeigen es: Die „Avantgarde der einzigen revolutionären Klasse" hatte die „Höhen der Kultur" zunächst mit Wolkenkratzern zu erstürmen gesucht. Dem Altmarkt blieb dieses Schicksal erspart, weil der Wunsch, „dass der Sozialismus nunmehr auch in die Breite gehen möge", in Moskau positiv aufgenommen wurde. Aber 7 Millionen Mark mussten auch weggespart werden. „Der Weg der Roten Fahne" in der Schlossstraße ist Resultat solcher Kompromisse: Das „Plakat" ersetzt eine plastische Gestaltung der Fläche, die dem vorgebauten Studiotheater Schwung gegeben hätte - als es noch die Schlossstraße überragen sollte. Aber die Mittel haben tatsächlich nur für etwas Flaches gereicht. Nachdem Wolfgang Hänsch 1961 bereits im Hinterland, zwischen Stadtspeicher und Yenidze, mit dem noch heute gern genutzten „Haus der Presse" ein Stück Stadtsilhouette geformt hatte, schien 1967 mit dem zweiten Preis im Wettbewerb die Zeit der Semperoper anzubrechen, ein Paukenschlag, der feierlich - sechs Jahre Stillstand eröffnete. Dranbleiben, Rechnen, Projektieren - bis zur Loslösung von jeglicher staatlichen Direktive, bis zu dem „musealen" Konzept, nicht die Kopie, sondern die würdige Erinnerung an Gottfried Sempers Leistung herzustellen, so, wie wir die Oper seit 1985 wieder kennen und lieben. „Schön" - sagen am Theaterplatz anerkennend manche Touristen - „was nach der Wende alles möglich wurde". Hänsch verzieht fast keine Miene. Ein wichtiges Kapitel ist dem Architekten die Akustik. Die Semperoper ist ja über jeden Zweifel erhaben, über das Schauspielhaus kann man streiten, aber der Kulturpalast -. Gut, Karajan und Masur waren zufrieden, das Publikum findet kaum etwas auszusetzen, aber die Philharmonie -. Seit die Staatskapelle die Semperoper hat, ist im Kulturpalast die Akustik ganz schlecht geworden. Menschlich - oder? Um neue Bauten wie Synagoge und Kino-Kristall wurde diskutiert. Nicht das einzelne Gebäude, sondern eine wohnliche Stadt scheint W. Hänsch wichtig. Und die Dresdner sind verwöhnt. Unlängst gab es Beschwerden, weil den Anwohnern der Seestraße (am Altmarkt) der Blick auf die Tafelberge der Sächsischen Schweiz verbaut wurde. Die hatten einfach vergessen, dass sie eigentlich im Zentrum einer Großstadt wohnen. Wo kann man das sonst noch, als in Dresden? Kulturverein „Kleine Freiheit" e.V. im „johannes r." Stresemannplatz 9, Dresden Striesen (Nähe Borsbergstr.) http://www.johannes-r.de |
|