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Dresdner Blätt´l 19. Jahrgang

Ausgabe 3/2008 vom 28.3.2008

 
Gewandhaus: Bauen oder nicht

Von Dr. Rainer Kempe

Verfolgt man die erregte Diskussion um das Gewandhaus, könnte man meinen, es ginge nicht um die Gestaltung eines zentralen Platzes, sondern um eine politische Grundfrage, um Sein oder Nichtsein.

Nun will ich gern zugestehen, dass dieses Areal direkt vis-á-vis der Frauenkirche, auf dem sich früher einmal das Gewandhaus befand, eine besondere Bedeutung für den Neumarkt hat. Das Gewandhaus wurde anno 1791 abgerissen, da es seine Funktion verloren hatte und sich seit Jahrzehnten als verwahrlostes Gebäude gegenüber der neu entstandenen monumentalen Kirche darbot.

Heute stellen sich die Nutzungsanforderungen anders dar. Wir setzen insbesondere im historischen Bereich der Innenstadt Vielfalt und Kleinteiligkeit um, führen große Plätze wie den Altmarkt auf ihre alte Kubatur zurück, verdichten die Innenstadt, um mehr Urbanität und städtisches Leben zu erreichen. Dabei besinnen wir uns auf die alten historischen Fassaden und Grundrisse und gestalten den Neumarkt als die Schnittstelle zwischen historischer Altstadt und Moderne.
Wir respektieren inzwischen auch das nach dem Krieg Gewachsene, wie den Kulturpalast, die Altmarktbebauung der 50er und die Prager Straße der 60er Jahre.

Der Wettbewerb zur Bebauung des Gewandhauses verfolgte das Ziel, eine Lösung für den Spagat zwischen einer anspruchsvollen Bebauung dieser zentralen Fläche des Neumarkts und einer gefühlvollen Zurückhaltung gegenüber der Maßstäblichkeit der historischen Umgebungsleitbauten zu finden. Dass das Ergebnis bei reger Beteiligung von mehr als 35 renommierten Büros diesen Spagat nur zweifelhaft löste, muss wohl am Ende den Ausschreibungsbedingungen zugeschrieben werden.

Wenn man aber zunächst von der architektonischen Gestaltung des Baukörpers und der Fassade abstrahiert, so geht es um folgende Fragen:

– Führt die Bebauung der Gewandhausfläche zu einer Platzgliederung, die den entstehenden „Teilplätzen“ insgesamt einen städtebaulichen Gewinn und einen Gewinn an städtischer Aufenthaltsqualität bringt, die die Aufgabe historischer Sicht- und Platzbeziehungen rechtfertigt oder nicht?

– Gibt es interessante Nutzungen, die dem Neumarkt mehr Anziehungskraft besonders auch für die Dresdner bringen, welche sich auf den andern Flächen eher ungenügend realisieren lassen?

Über diese Frage wäre eine sachliche Diskussion ohne emotionalen Überschwang notwendig. Ich persönlich halte kulturelle Nutzungen für sehr interessant und sehr passfähig mit dem Neumarkt.

Da nun aber der Wettbewerb eher dazu beigetragen hat, den Blick auf die städtebaulichen Fragen durch das Bild auf die Gestaltung, welches die Vielfalt des individuellen Geschmacks auslöst, zu verstellen, sollten die Wettbewerbsergebnisse zunächst zu den Akten gelegt werden. Hinzu kommt, dass bevorstehende Wahlkämpfe zur Instrumentalisierung dieser Fragen führen, die einer sachlichen Abwägung schaden müssen. Schließlich muss auch in hervorgehobener Weise der Einfluss der Fachwelt gesichert bleiben.

Eine ad–hoc–Entscheidung der Nichtbebauung der Gewandhausfläche über die nächsten 10 oder 20 Jahre, verbunden mit einer Bebauung des benachbarten Areals (Quarter VI), wie sie nun von der FDP vorgeschlagen wurde, lässt keinerlei Raum für zukünftige Entscheidungen. Verwundert haben wir uns die Augen gerieben, da sich in plötzlichem wahltaktischen Sinneswandel nun auch die CDU dieser Position angeschlossen hat.

Wir meinen dagegen, dass man zur sachlichen Diskussion zurückfinden muss. Wir meinen, dass das Wettbewerbsergebnis keine ausreichende Akzeptanz für eine Bebauung dieser Fläche findet und als Bebauungsempfehlung abgelehnt werden muss.

Wir schlagen deshalb vor, die Debatte auf einen Zeitpunkt nach den nächsten Wahlen zu verlagern und bis dahin auch die Fläche des benachbarten Quartiers Q VI nicht zu bebauen.